Stress kann man messen – und (nicht nur psychoemotional) behandeln

In meinen letzten Kolumnen habe ich Ihnen von den Geschlechtshormonen erzählt. Dabei habe ich Ihnen davon berichtet, dass Hormone wie Testosteron, Östradiol oder Progesteron neben ihrer genitalen Funktion eine Reihe von Wirkungen auf Stimmung, Energie, klares Denken und Schlaf haben. Auch für Stress bzw. dafür, wie wir damit umgehen, sind sie wichtig. Aber natürlich spielen für Stress bzw. für die Frage, wie gut oder wie schlecht wir mit einem anstrengenden und fordernden Alltag klar kommen, auch noch andere Hormone eine Rolle: Dopamin, Noradrenalin, Adrenalin, Serotonin, GABA und natürlich Cortisol. Wobei zwei Dinge richtig sind: Einerseits führt viel oder vielleicht sogar jeden Tag immer wiederkehrender Stress zu einer Daueraktivierung des Sympathikus. Der Sympathikus ist der Teil unseres unbewussten Nervensystems, der uns aktiv sein lässt. Damit wir in Stresssituationen in hoher Form aufmerksam sind und schnell reagieren können, sorgt der Sympathikus dafür, dass Aktivitäts-Hormone wie Cortisol oder Noradrenalin nur so sprudeln, während Relax-Hormone wie Dopamin oder Serotonin gebremst ausgeschüttet werden. Andererseits ist die notwendige Daueraktivierung von z.B. Cortisol und die nur reduzierte Ausschüttung von z.B. Dopamin mit Grund für die Erschöpfung von dauergestressten Menschen. Stress ist heute ein weit verbreitetes Phänomen. Ich erlebe täglich Menschen in meiner Sprechstunde, die sich von ihrem privaten oder beruflichen Leben (oder im schlimmsten Fall von beidem) überfordert fühlen. Selbstverständlich ist es für gestresste Menschen sinnvoll, tägliche Entspannungsübungen in ihren Alltag einzubauen. Nach meiner Erfahrung sind Yoga und/oder Meditation (möglichst jeden Tag!) besonders geeignet. Übrigens deswegen, weil sie den Gegenspieler des Sympathikus, den Parasympathikus aktivieren. Eine gute Medizin ist aber immer nur dann wirklich gut, wenn sie auch eine Diagnostik anbieten kann, und dann eine Therapie, die auf der Diagnostik aufbaut. Und, ja, Stress kann man messen: Eben durch die genannten Hormone. Dabei sollten einige davon, wie Dopamin, Noradrenalin, Adrenalin oder Serotonin, im zweiten Morgenurin bestimmt werden (der zweite deswegen, weil der erste Morgenurin die Hormonausschüttungen während der Nacht anzeigt. Wir wollen aber wissen, mit wie viel Power Sie in den Tag starten). Cortisol spielt eine so entscheidende Rolle, das ein Tagesprofil sinnvoll ist. Das erhält man, wenn man es am Morgen, am Mittag und am Abend (im Speichel) misst. Weil für die Bildung von z.B. Serotonin die Aminosäure Tryptophan sowie die Vitamine B3, B6 und Folsäure wichtig sind, oder für die Bildung von Dopamin Tyrosin und Vitamin B6, ist es sinnvoll, neben einer psychoemotionalen Therapie auch mit den entsprechenden Mikronährstoffen zu arbeiten. Der Erfolg einer Behandlung kann dann in erneuter Laborkontrolle der Hormone (und ggfs. auch der entsprechenden Mikronährstoffe) bewertet werden!